Lesung mit Tim Pröse
Ein Hoffnungsbuch über eine Katastrophe
26. März 2025
„Es geht um eine Freistunde, wie ihr sie noch nie erlebt habt. Es geht um euch, es geht um eure Freiheit. Wenn die Schule vorbei ist, dann seid ihr frei, könnt selber wählen, was ihr machen wollt, wo ihr leben wollt.”
Mit den Schülern der 9. Klassen und der Jahrgangsstufe 1 ist der Mehrzweckraum fast voll besetzt. Dennoch ist es außergewöhnlich still.
Vor ihnen steht Tim Pröse, Journalist und SPIEGEL-Bestsellerautor von „Wir Kinder des 20. Juli”.
Seine Stimme ist nicht laut, aber sehr klar, gut verständlich - und geradezu beschwörend. Was er den Schülern vermitteln möchte, ist ihm sehr wichtig, und das sollen sie merken und im Idealfall darüber nachdenken und entsprechend handeln. Denn: „Vor einem Menschenleben gab es das nicht. Freiheit war lebensgefährlich. Ein falsches Wort - und ihr seid gefoltert, ermordet worden. Nicht in einem Video von TikTok, sondern hier.” Und diese Zeiten können wiederkommen. Im Laufe seines Vortrags wird er Alexej Nawalny erwähnen, dessen Tod in die Zeit fällt, in der er an seinem Buch arbeitet.
Sabrina Hartmann, Lehrerin für Deutsch und Geschichte, hat Tim Pröse ans Zabergäu-Gymnasium für eine Lesung eingeladen. Tatsächlich liest er während der Veranstaltung nur eine kurze Passage aus dem Buch vor. Ansonsten erzählt er. Frei und eindringlich! Er malt aus, wie es den Schülern im Dritten Reich hätte ergehen können als Erfüllungsgehilfen von Hitlers Wahn. Irgendwann hätten die Eltern vielleicht einen Brief erhalten: „Ihr Sohn ist den süßen Heldentod gestorben.” Die Mädchen sollten möglichst viele Kinder bekommen. Belohnt mit dem Mutterkreuz, je nach Anzahl der Kinder. Menschenmaterial zum Verheizen. Mitschüler sind plötzlich verschwunden. Drastisch schildert er, wie in Gaskammern die Minuten vor dem Tod gewesen sein müssen.
Tim Pröse appelliert an die Menschlichkeit, an die Wachheit seines jungen Publikums. 280 Schulen hat er auf seiner „missionarischen“ Reise durch Deutschland bereits besucht.
Dass er sich für das Buch aufgemacht hat, die Kinder der Hitler-Attentäter aufzusuchen und zu interviewen, allen voran die von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, hat eine Vorgeschichte.
Als Jugendlicher - Pröse ist 1970 geboren - hat er zwei „Stars” in seinem Zimmer hängen: Udo Lindenberg, mit dem er heute befreundet ist, und Sophie Scholl, mit deren Schwester er damals Kontakt hat. Sophies Mut, ihr Kampfgeist hat ihn schon in jungen Jahren beeindruckt. Diese Flamme, die diese Menschen damals in sich tragen, möchte er heute weitertragen. Nicht die Asche der Hingerichteten.
„Ich nehme euch mit zu diesem 20. Juli.” Zu Hitlers Versteck in der Wolfsschanze, zu der von Stauffenberg, von Kriegsverletzungen gezeichnet, Zutritt hat. „Ein Mensch mit einer riesengroßen Aura.” Sein geplantes Sprengstoffattentat misslingt. Er wird standrechtlich erschossen. Auch seine Verbündeten werden hingerichtet, ihre Familien in Sippenhaft genommen, die Kinder getrennt in Umerziehungslager gesteckt. Ohne Erfolg!
Leicht sei es nicht gewesen, mit den Kindern ins Gespräch zu kommen. Zum ältesten Sohn von Stauffenbergs, heute 90 Jahre alt, geht er dreimal, bevor dieser sich öffnet - über eine Glaubensfrage!
Die Stelle, die Pröse aus seinem Buch vorliest, beschreibt den Hinrichtungsraum in Berlin-Plötzensee, wo sich die Kinder jährlich am 20. Juli treffen und gemeinsam beten. Gräber gibt es nicht. Man hat damals die Asche verstreut.
In seinem Buch hat er ein Manifest der Nachkommen veröffentlicht mit der Aufforderung an die jungen Menschen, den Mut der Väter weiterzutragen.
Mittlerweile sind einige der Interviewten verstorben. Bald wird es überhaupt keine Zeitzeugen mehr geben. Daher brauche man, wie Margot Friedländer es ausdrückt, „Zweitzeugen”, die die Erinnerung wachhalten.
Die Schüler stellen immer wieder durchaus tiefgründige Fragen unter unterschiedlichen Aspekten. Nach dem Ende der Veranstaltung suchen über 20 von ihnen noch ein Gespräch mit dem Autor, stellen sehr persönliche Fragen an ihn - und erfahren nebenbei, was es mit der „Gretchenfrage” auf sich hat.
„Ich bin total begeistert von euren Ideen. Das erlebe ich selten. So tolle Schüler!”, gesteht Pröse. Auch Theodor Heuss erwähnt er, der früh zum Dritten Reich Stellung bezogen hat. „Den solltet ihr verehren!”
Ein Schüler mit Fluchterfahrung hat sich während des Vortrags von dem Mann „mit einer starken Aura” persönlich angesprochen gefühlt, sogar Gänsehaut bekommen. „Nichts anderes haben meine Eltern mit der Flucht erreichen wollen als Freiheit für ihre Kinder.” Paul Godi, total begeistert von dem Vortrag, sagt anerkennend nur: „Mega!” elk
